Geschichte des Vereins

90 Jahre Fechten in Weißwasser (Beitrag von Bernd Ingolf Friedrich)

 

Am Samstag (19.07.2014) wurde im Turnerheim gefeiert: 90 Jahre Fechtsport in Weißwasser. Damit ist die Weißwasseraner Fechtsportgemeinschaft zwar ein paar Jahre jünger als der 1911 gegründete Deutsche Fechter-Bund, aber immerhin acht Jahre älter als die „Füchse“. Georg Masseck und Ernst Klinke sind die Namen, die man mit ihr vor allem verbindet. Doch an der langen Traditionslinie haben Viele mitgewirkt.

Die Recherchen für eine Chronik zu diesem Jubiläum haben ergeben, dass sich ihre Ursprünge bis in die Wiener Akademie der Fechtkunst zurückverfolgen lassen, deren Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts begann. Der aus den Sudeten stammende Heinrich Heinrich hatte seine k.u.k. Militärzeit bei einer in Wien stationierten Pioniereinheit absolviert und dort die Fechtkunst erlernt, war dann nach Görlitz gezogen und dem 1904 entstandenen Görlitzer Fechtclub beigetreten. Er soll über hundert „scharfe Mensuren“ gefochten und keinen einzigen Schmiß abbekommen haben. Diesen Haudegen holte sich der Feinblechner-Meister Georg Masseck von Zeit zu Zeit als Sachkundigen, als man 1924 begann, im Kreise einiger Gleichgesinnter zu fechten.

Ernst Klinke, der den Fechtsport in Weißwasser wie kein zweiter prägte, hatte während dessen seinen Lebensweg über Leipzig und Spremberg genommen. Leipziger Jugendmeister 1933, Dritter bei den Deutschen Meisterschaften und Olympia-Kader 1935, Kampfrichter bei der Olympiade Berlin1936 und Presseobmann des Deutschen Turn- und Sportfestes 1938 in Breslau waren die wichtigsten Stationen seiner sportlichen Laufbahn. Sie wurde, wie die aller anderen, durch den Krieg und das anschließende Verbot aller „sportlichen, militärischen und paramilitärischen athletischen Organisationen“ durch den Alliierten Kontrollrat unterbrochen. Erst 1952 konnte wieder gefochten werden.

Zu den Aktivisten dieser „zweiten Stunde“ gehörte auch der stets geduldig und bescheiden im Hintergrund wirkende Mitarbeiter der Lausitzer Elektrizitätswerke Herbert Kaiser. Er wird von allen, die ihn kannten, als ein gutmütiger, humorvoller Mensch geschildert, dem es das größte Vergnügen machte, einem, der sich mit „König“ vorstellte, zu antworten: „Angenehm, Kaiser.“

Diese drei legten, oft unter schwierigsten Bedingungen, den Grundstein für eine beispielhafte Nachwuchsarbeit, formten über zwanzig Jahre lang selbst Menschen und Meister oder delegierten herausragende Talente an den SC Einheit Dresden.

Werner Hanke, im Jahr 2007 verstorben, gehörte zu den ersten. Er holte bei den DDR-Meisterschaften im Florettfechten 1962 Gold sowie 1960 und 63 Silber. Sein Name erscheint als erster eines DDR-Fechters in dem Jubiläumsband „En Garde! Allez! Touché!“, den der Deutsche Fechter-Bund anlässlich seines hundertjährigen Bestehens herausgab. Werner Hanke arbeitete nach seiner Heimkehr ebenfalls als Trainer und Übungsleiter. Sein Sohn Sven wurde unter ihm 1988 DDR-Jugend-Meister.

In den SCE folgte ihm Klaus Haertter, der 1965 in Magdeburg und 66 in Berlin Spartakiade-Sieger wurde. Von dort aus nahm er als erster DDR-Fechter an einer Olympiade teil. Sein Name wird in der Rubrik „DDR-Meisterschaft von 1952 bis 1990“ im soeben erwähnten Buch am häufigsten genannt. Er hat außerdem eine Extraseite im Kapitel „Die großen Fechter der DDR“ bekommen. Die Ausnahmestellung des Linkshänders belegt auch die Tatsache, dass er nach seinem Wiedereinstieg ins aktive Geschehen bei der Veteranen-WM 2004 in der Altersklasse 50+ auf Anhieb die Goldmedaille errang.

An ihm zeigt sich eine etwas bedauerliche Seite erfolgreicher Nachwuchsarbeit: Die großen Erfolge schlagen auswärts zu Buche, für das eigene Buch bleiben die kleineren. Eine weitere Schattenseite ist das Fortbleiben der Besten: Klaus Haertter ist heute Cheftrainer seines einstigen Clubs, des heutigen Dresdner Fechtclubs 1998 e.V. Einer seiner Co-Trainer hieß bis vor kurzem Hans-Joachim Meier und stammte ebenfalls aus Weißwasser.

1975 übernahm die Hallenserin Ilse Kenner „ die Verantwortung für den Trainingsbetrieb“ in Weißwasser, den ihr „die beiden Urgesteine“ problemlos übergaben. Sie begann, die Kinder und Jugendlichen in Altersklassen aufzuteilen und zu trainieren. Hauptsächlich Werner Hanke, Paul John und der zwischenzeitlich leider auch schon verstorbene Michael Rogoz assistierten und führten 1977 eine Mädchenmannschaft zur Spartakiaden-Goldmedaille im Florett. Ilse Kenner verließ Weißwasser 1981 aus familiären Gründen und übergab den „Staffelstab“ ihrerseits an Konrad Richter aus Bad Liebenwerda.

Konrad Richter wurde 1990 als Trainer arbeitslos und orientierte sich beruflich neu, ohne seine Trainertätigkeit zu unterbrechen. Er übt sie seitdem ehrenamtlich aus, assistiert von Markus Schibilsky und Ilse Kenners „Goldmädels“ Daniela Schlammer und Birgit Tzschocke. Eine kurze Durststrecke des Vereins um das Jahr 2008 herum konnte mit Hilfe von Siegmar und Jana Fest dauerhaft überwunden werden.

Die vielen Ehemaligen, die sich in den letzten fünf Jahrzehnten engagierten, indem sie Trainingseinheiten übernahmen oder Lektionen gaben, können hier gar nicht genannt werden. Zu ihnen könnte eines Tages vielleicht die kleine Emma Rosenstengel gehören. Sie ist die jüngste Meisterin der Fechtabteilung im KSV 90 Weißwasser. Sie holte die Bronzemedaille im Florettfechten bei den sächsischen Landesmeisterschaften im Juni 2014.

 

Die Feier am 19. Juli wurde etwas „vorgezogen“, das Gründungsdatum 30.10. steht – eigentlich – noch bevor. Ab Mittag wurdw im Turnerheim gefochten, am Abend gefeiert.

 

(biF, 15.07.2014.)